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Motion In Time

In diesem Teil des Lehrgangs wird die Entstehung eines Filmes anhand eines Praxisbeispiels aufgezeigt. Zuerst ist immer aufgeführt, wie wir die Sache angegangen sind und danach kursiv, konkrete Tipps für eigene Projekte.

Vorproduktion

Ideensuche
Wir haben uns entschieden, mit unserem Film ein alltägliches Thema von einer anderen Seite darzustellen. Zu diesem Zweck haben wir Ideen gesammelt und uns gefragt, welche man am besten filmisch darstellen kann. Wir haben uns schliesslich für „Zeit“ entschieden und uns weiter darauf konzentriert, welche Aspekte wir zeigen möchten. Wir kamen zum Schluss, dass wir keinen kontinuierlichen Film produzieren möchten. Damit der Zuschauer trotzdem den roten Faden behält, haben wir uns für den Einsatz einer Offstimme entschieden.

Es gibt zahlreiche Varianten Ideen zu sammeln. Methoden wie Brainstorming oder Clustering haben sich bewährt. Viele Wege führen nach Rom, beschränke dich deshalb nicht auf eine Variante und probiere verschiedene aus, denn so können Ideen auch reifen. Lege eine Pause ein, wenn du Denkblockaden hast. Zu langes Herumdenken an einer Idee bringt nichts.

Crew

Da es sich um eine ziemlich kleine Produktion handelt, suchten wir nur einen Schauspieler. Kamera und Postproduktion machen wir selbst. Für „Motion in Time“ brauchten wir einen Schauspieler im Alter von 20-30 Jahren. Er sollte nachdenklich und neutral wirken. Anhand von diesen simplen Ansprüchen, machten wir uns auf die Suche und konnten schliesslich einen Schauspieler für unser Projekt begeistern.

Überlege dir, was für Schauspieler du brauchst und welche Charaktereigenschaften sie auszeichnen sollen. Am besten fragst du Freunde, Verwandte und Bekannte.

Produktionsdesign

Die Stimmung soll kalt und urban wirken. Die Farbe grau soll das Bild dominieren. Zudem möchten wir die realen Bilder mit Motion Graphics und 3D-Objekten mischen.

Diese Fragen können dir helfen, ein passendes Produktionsdesign zu finden: – Wie soll die Stimmung im Film sein? – Was sagt meine Geschichte aus und wie kann ich das bildlich darstellen? – Welche Ausstattungsgegenstände brauche ich?

Location

Die benötigte Stimmung konnten wir am besten in einem Industriegebiet finden. Deshalb haben wir uns einen Tag Zeit genommen, um die Region nach Industriegebieten abzusuchen. Wir notierten uns die einzelnen Unternehmungen und kontaktierten diese anschliessend. So konnten wir zwei passende Drehorte finden (siehe Bild).

Informiere dich, wo sich in deiner Umgebung Locations, die deinem Produktionsdesign entsprechen, befinden. Am besten ist, wenn du dir vor dem Dreh Zeit nimmst, um die einzelnen Orte anzuschauen und die Besitzer um Erlaubnis zu fragen. Betrete niemals ein Gelände, ohne vorher die Erlaubnis einzuholen!

Storyboard

Da die Idee von „Motion in Time“ nicht auf einer kontinuierlichen Story basiert, haben wir uns für ein vertikal ausgerichtetes Storyboard entschieden. Zu diesem Zweck haben wir ein Blatt in der Mitte geteilt und somit eine Spalte für Bild und Ton zur Verfügung. So können wir die Offstimme und die benötigten Shots übersichtlich anordnen.

Storyboard-Vorlage

3 Tipps zum Erfolg 

#1 Nicht auf eine einzige Idee beschränken. Verschiedene Ideen immer wieder anschauen und heranreifen lassen.

#2 Eine einfache Idee ist oft besser als eine komplizierte. Denk daran, der Zuschauer kennt deine Gedanken nicht.

#3 Spare keine Zeit bei der Vorproduktion. Ein gut geplanter Dreh verläuft schneller und kontrollierter als ein ungeplanter.

 

Produktion

DSLR-Filming
Die beste Alternative zu den professionellen Filmkameras bieten heutzutage die digitalen Spiegelreflexkameras, kurz DSLRs. Diese werden immer mehr im Amateur- und auch im Halbprofessionellen-Bereich eingesetzt, da sie zu einem erschwinglichen Preis sehr gute Bildqualität und die Möglichkeit des Objektivwechsels bieten. Zudem kann man sehr viele Einstellungen an der Kamera vornehmen, was einem viel mehr Freiheit als ein Automatikmodus einer normalen digitalen Filmkamera gibt. Der grösste Negativpunkt ist, dass die Kameras primär zum Fotografieren gedacht und auch gebaut sind. Die Filmfunktion ist nur als Sekundärfunktion gedacht. Wichtig ist deshalb, dass man sich im Vorfeld genügend über das Filmen mit einer solchen Kamera informiert. Im Internet gibt es viele hilfreiche E-Books und Tutorials (Lernvideos), die einem den Einstieg in die Welt der DSLR erleichtern. Eine gute Einführung in die Thematik bietet das E-Book (Englisch) der NoFilmSchool, das auf der Website gratis zum Download bereitsteht. Regelmässige Tutorials zu unterschiedlichen Bereichen des DSLR-Filmens findet man auf Learning DSLR Video.

Ausserdem gibt es spezielle Programme, die man auf das Gerät laden kann. Diese optimieren die Kamera zum Filmgebrauch und bieten Funktionen, die es standardmässig nicht gibt. Eine wichtige Funktion ist der sogenannte „Cinematic Mode“. Dieser Modus ermöglicht einem ein „flaches“ Bild aufzunehmen. Das heisst, man filmt ohne Voreinstellungen bei Kontrast und Beleuchtung. Im ersten Moment sieht das Bild extrem langweilig aus, was später in der Postproduktion geändert wird. Die „flachen“ Einstellungen ermöglichen es, das Material digital bestmöglich zu verwerten, da auf diese Weise am meisten Farbinformationen erhalten bleiben. Man kann so Kontrast, Beleuchtung und Farbgebung am besten steuern.

Die Canon 600D ist ideal für den Einstieg in das DSLR-Filmen. Auch wenn sie leicht zu erlernen ist, bietet sie viele wichtige Eigenschaften. Beispielsweise das Aufnehmen von Bildern in Full HD, was einer Auflösung von 1920 auf 1080 Pixel entspricht. Zudem ist es möglich, Filmmaterial mit 60 Bildern pro Sekunde aufzunehmen. Dies vor allem für Slowmotion-Aufnahmen nützlich.

Ausserdem gibt es inzwischen viel Zubehör für DSLR-Kameras, welches die Produktionsqualität stark erhöht. Die Anschaffung eines Rigs lohnt sich auf jeden Fall. Die professionellen Ausführungen sind sehr teuer, doch mittlerweile gibt es preiswerte Alternativen. Die noch günstigere Lösung ist, sich ein Rig selber zu basteln. Eine Anleitung findest du hier.

Canon 600D mit Kamera-Rig

Kamera-Rig mit Schulterstütze: Dieses Rig verleiht der Kamera zusätzliche Stabilität und verhindert so ungewollte „Ruckler“. Zudem kann man alle weiteren Elemente am Rig befestigen.

Followfocus: Der Autofokus ist häufig nicht geeignet und man muss manuell fokussieren. Dies erfordert viel Übung und Können, deshalb versucht man, den Vorgang mittels des Followfocus  zu vereinfachen. Man montiert ihn ans Kamera-Rig und verbindet ihn über einen Fokussierring mit dem Objektiv. Dies bietet mehr Kontrolle und ermöglicht ein viel subtileres Fokussieren.

Mattebox: Bei schwierigen Lichtverhältnissen kann es vorkommen, dass seitliche Lichtstrahlen direkt in die Linse fallen und so unerwünschte Lichtflecken verursachen. Dies kann durch die Mattebox verhindert werden. Zudem dient sie als Halterung für ND-Filter

ND-Filterset: Sogenannte Neutraldichtefilter reduzieren die Lichtmenge, die in die Linse fällt. Damit ist es auch bei sehr hellen Lichtverhältnisse möglich, die Blende zu öffnen und somit einen schönen Bokeh-Effekt zu erzielen.

 

Zusätzlich haben wir diese Objektive benutzt:

 

Falls du keine eigene Kamera besitzt, kannst du in lokalen Kamerageschäften fragen, ob du ein bestimmtes Modell für deine Drehtage ausleihen oder mieten kannst. Nutzte die Möglichkeiten einer DSLR, wenn du eine besitzt. Ansonsten kannst du mit jeder gängigen Digitalkamera (am besten HD ready) drehen. Wichtig für den Anfang ist nicht das beste Equipment, sondern das Suchen der richtigen Einstellungen. Eine schlechte Einstellung wird durch keine noch so teure Kamera besser.

Am Set
Wir haben uns mit unserem Schauspieler getroffen und ihn unseren Vorstellungen getreu eingekleidet. Am Set angekommen, haben wir die einzelnen Szenen besprochen und dann geprobt. Danach nahmen wir alle benötigten Shots gemäss Storyboard auf. In einem ersten Schritt filmten wir die Totalen und danach die Detaileinstellungen. Zusätzlich experimentierten wir vor Ort mit verschiedenen anderen Varianten und spielten mit Mitteln wie Schärfeverlagerung.

Plane deinen Dreh gut, denn so kannst du viele Fehler verhindern und Zeit sparen. Plane genügend Zeit vor dem eigentlichen Dreh ein, denn bevor du beginnen kannst, musst du die Locations einrichten und die Schauspieler für die Kamera vorbereiten. Beim Aufnehmen solltest du umbedingt mehrere Takes von jeder Szene machen, denn ein Nachdreh ist mühsam und zeitaufwändig. Dieses Video hilft dir, die richtigen Bildausschnitte zu wählen. Schau dir immer wieder Zwischenresultate an, um sicherzustellen, dass du mit den Aufnahmen zufrieden bist.


Bokeh-Effekt




 
Ein weiteres Element, das deine Aufnahmen verschönern kann, ist der sogenannte Bokeh-Effekt. Ein gutes Tutorial dazu findest du hier.


 

3 Tipps zum Erfolg

#1 Nicht nur an Storyboard halten. Experimentiere mit der Kamera und verschiedenen Einstellungen. So lernst du die Materie besser kennen und entwickelst einen eigenen Style.

#2 Nimm die verschiedenen Einstellungen mehrmals auf, so hast du später die Möglichkeit, die beste auszuwählen.

#3 Akkus vor dem Dreh aufladen. Kleine Fehler können grosse Auswirkungen auf die gesamte Produktion haben.

 

Postproduktion

Schnitt
Um eine gute Übersicht zu erhalten, sortierten wir zuerst das ganze Filmmaterial und werteten die einzelnen Aufnahmen aus. So konnten wir in der Schnittphase direkt die brauchbaren Clips auswählen und gemäss den Coverage-Regeln (vgl. Basiswissen) aneinanderreihen. Damit die Videospur optimal mit der Offstimme harmonierte, änderten wir zum Teil die Geschwindigkeit der Filmclips.

Nimm dir Zeit das Material durchzuschauen und die besten Clips auszuwählen. Strebe nicht beim ersten Versuch den perfekten Schnitt an. Am besten erstellst du zuerst einen Rohschnitt und schneidest die Clips tendenziell zu lang, damit du später noch kürzen kannst. Wichtig ist, dass der Zuschauer den Eindruck bekommt, die Handlung selbst mitzuerleben.

VFX

Einige Szenen konnten nicht am Set eingefangen werden und mussten digital erstellt werden. Es bestand keine Möglichkeit, die abstrakte Kugel ohne Computer zu erstellen. Wir haben sie deshalb mithilfe von Cinema 4D komplett digital animiert. Mit diesem Programm erstellten wir ein dreidimensionales Objekt, dass wir grob in die Szene einpassten. Mit einem Compositing-Programm wie Adobe After Effects stimmten wir das gerenderte Material farblich ab und setzten Lichteffekte ein, damit sich das Objekt optimal in die Originalaufnahmen einfügte.

Wichtig! Das Erstellen des 3D Elements ist nur die halbe Arbeit. Damit es richtig wirkt und sich gut in die Szene einfügt, musst du es anpassen. Dies machst du am besten mit Licht- oder Farbeffekten.

Original Aufnahme

3D Element einfügen

Bewegungsunschärfe und Schatten erstellen

Funken einfügen

Aura erstellen

Licht einfügen

Color Correction/Grading
Vielen fällt dieser Teil der Post-Produktion nicht aktiv auf, da man annimmt, dass die schönen Farben von einer „guten“ Kamera stammen. Mittlerweile wissen wir aber, dass eine gute Kamera noch lange kein gutes Bild ausmacht. Hinter den schönen Bildern auf der Kinoleinwand steckt stundenlange Arbeit. Man unterteilt die Farbbearbeitung in zwei Bereiche, nämlich in die „Color Correction“ und das „Color Grading“. Die Color Correction dient zur Farbanpassung, das bedeutet konkret, dass man die Kontraste, die Helligkeit, die Sättigung, etc. einstellt. Insgesamt kann man sagen, man schafft ein „stimmiges Bild“. Das Bild soll in diesem Schritt möglichst natürlich und „schön“ aussehen. Den speziellen Look verpasst man dem ganzen im Grading. Hier kann man mit verschiedenen Farben Akzente setzen und den Style noch einmal individuell und auf das Thema abgestimmt definieren.

Für Motion In Time haben wir einen surrealen Look kreiert. Damit du siehst, dass du eine Vorlage zu einem eigenen Bild optimieren kannst, haben wir einen Magic Bullet Look angewendet und optimiert. Zudem haben wir mit einer Vignette das Gesamtbild abgerundet.

Originalbild

Magic Bullet Looks “Bronze”

Sättigung verringert, aufgehellt, Blau- und Rotanteile geändert

Eine Vignette rundet das Bild ab


Du musst nicht unbedingt zuerst die Color Correction und dann das Grading machen, solange das Bild am Schluss gut aussieht, ist alles erlaubt. Schaue dir zur Inspiration professionelle Filme mit ähnlichen Themen an und probiere die Styles nachzumachen. Es ist keine Schande abzuschauen, denn jedes Resultat wird unterschiedlich und während des Herumpröbelns entstehen neue Ideen, die das Grading beeinflussen können. Wichtig ist, dass du lernst, welcher Effekt was macht und wie die Paramter das Bild verändern. So kannst du Unstimmigkeiten effizient entfernen und den gewünschten Look schnell erreichen. Magic Bullet Looks stellt zahlreiche populäre Presets bereit, lässt aber auch eigene Einstellungen zu. So kannst du den Aufbau eines Effekts anschauen und so dein Vorgehen verbessern. Falls du dich intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen möchtest, bietet der Vimeo-Channel “Color Grading Central”  hervorragende Tutorials an. Hier gehts zum ersten Video des fünfzehnteiligen Colorgrading-Tutorials. Die Effekte werden im Video mit Final Cut Pro X erstellt, können aber problemlos mit After Effects realisiert werden. 

Vignette
Unter Vignette versteht man einen abgedunkelten Bereich am Rand des Bildes. Dieser Effekt ist sehr einfach zu erstellen und wertet das Bild enorm auf. Wichtig ist, dass man die Vignette nicht zu stark macht, sondern nur so fest, dass sie nicht auffällt. Richtig eingesetzt, ist die Vignette ein Muss für jedes Colorgrading.
Hier findest du eine Anleitung, wie du eine Vignette in After Effects erstellen kannst.

Viel zu dunkle Ecken, Vignette zu stark

Die Vignette fällt nicht auf, aber verbessert das Bild

Bild ohne Vignette

Sounddesign
Ein weiteres wichtiges Element war das Sounddesign. Es sollte die Stimmung des gewählten Bildstils mit Hilfe von Musik und Soundeffekten unterstützen. Wir haben uns für atmosphärische Musik und Geräusche entschieden, die den surrealistischen Look verstärken sollten. Michael Zjörien hat schon einige Erfahrungen als DJ gesammelt. Deshalb kennt er sich mit synthetischen Klängen aus und erklärte sich bereit, uns bei der Produktion der Musik zu helfen. Zusammen mit den Kenntnissen von Thomas Meyenberg entstand auf diese Weise ein interessantes Sounddesign, das die nachdenkliche und surrealistische Stimmung ideal darstellt.

Veröffentlichung
Das erste eigene Video steht. Du bist begeistert und freust dich über den Erfolg. Guter Dinge lädst du dein Film auf Vimeo oder Youtube und freust dich über eine Menge Klicks, doch nach den ersten zehn der Familie verschwindet das Video in den Tiefen des Internets.
Um ein solches Szenario zu verhindern, musst du die Veröffentlichung deines Videos gut strukturieren und planen. Es gibt viele Möglichkeiten, wie man seinen Film an die Öffentlichkeit bringen kann. Ein guter Anfang ist es, das Video wie schon geschrieben auf Youtube oder Vimeo zu laden. Strebst du möglichst viele Klicks an, ist Youtube die bessere Wahl, da es viel mehr Benutzer hat. Vimeo hingegen ist eine Plattform für professionelle Filmer und bietet Publikum, das aufwändige Arbeit erkennt und schätzt. Nachdem du deinen Film hochgeladen hast, kannst du den Link auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken teilen. So erreichst du viel mehr Leute als nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Diese Methode kann sogar noch verbessert werden. Wenn du alle Personen, die bei deinem Dreh mitgeholfen haben, in dem Facebook-Beitrag markierst, erreicht es noch einmal mehr Leute. Da nicht alle zur gleichen Zeit online sind, lohnt es sich das Video nach 2-3 Tagen noch einmal zu “liken”, damit es wieder zuoberst angezeigt wird. Zusätzlich empfiehlt es sich, den Film in verschiedenen Foren zu posten. Natürlich muss das Thema übereinstimmen. Dreht sich dein Film beispielsweise um Fussball, könntest du verschiedene Vereine anschreiben. Diese zeigen eventuell Interesse und promoten deinen Film.

 

3 Tipps zum Erfolg

#1 Nutze professionelle Videos als Inspiration. So kanst du verschiedene Ideen analysieren und kombinieren.

#2 Vergiss nicht, immer wieder zu speichern und dein Projekt auch auf externe Festplatten zu sichern. Aufwändige Effekte machen die Programme gerade bei geringer Computerleistung absturzanfällig. 

#3 Übertreibe nicht mit Effekten. Zu viele VFX stören beim Schauen des Films. Ausserdem machen tolle VFX keine schlechte Story wett.